Tinte und kaffee

Lassen Sie sich inspirieren, Lesen und Schreiben in der intimen und angenehmen Zimmer

Die adeligen Herren im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wählten ihr Stammcafé als zweite Wohnung. Das Caffè Fiorio hatte aber auch seinen literarischen Ruhm und konnte bekannte Schriftsteller und große Künstler zu seinen Gästen zählen. Auch Massimo D’Azeglio, der berühmte Staatsmann sowie Maler und Schriftsteller, begab sich in seine Räume, wenn er nicht gerade im Nazionale saß. Man weiß, dass seine Schrift „Gli ultimi casi di Romagna“ im Fiorio negativ kommentiert wurde; mehr Zustimmung erhielt sein historischer Roman „Ettore Fieramosca“, der die Seele des Risorgimento wieder beleben und die Italiener an ihre ruhmreiche Vergangenheit erinnern sollte. Giovanni Prati, ein anderer bedeutender Schriftsteller aus der Zeit des Risorgimento, schrieb im Fiorio mehrere Gedichte. Mancher machte das Café auch zu seiner Redaktion. Im 19. Jahrhundert redigierte Avalla, der Direktor des berühmten Satireblatts „Il Fischietto“, seine Zeitung im Café in der Via Po, hier beschloss er, wer an den Pranger gestellt werden sollte, wobei niemand verschont blieb – nicht einmal Cavour, der gute Miene zum bösen Spiel machte und klug genug war, über die Satiren und Spitzen, die gegen ihn gerichtet waren, zu lachen.

Unter den Gästen muss auch Friedrich Nietzsche genannt werden, der in seinen Turiner Jahren ein häufiger Gast des Fiorio war. Es wäre interessant zu entdecken, welche Seiten er dort schrieb! Wenn man an ihn und seinen Charakter denkt, kommen einem die Worte des Schriftstellers Alfred Polgar in den Sinn: „In den Kaffeehäusern gibt es Menschen, die allein bleiben wollen, aber um allein zu sein, brauchen sie Gesellschaft.“ Von Tommaso di Lampedusa ist bekannt, dass er im Fiorio seinen Roman „Die Sirene“ schrieb. Das Fiorio hat nie aufgehört, ein literarisches Café zu sein. In seinen Räumen trafen sich Schriftsteller und Journalisten, um sich die Zeit zu vertreiben und sich über Literatur und Geschichte, Politik und Kunst zu unterhalten.

Die Tradition schien verloren zu sein, aber eigentlich hat sie nur ihre Form gewandelt und überlebt noch heute; es ist kein Zufall, dass Giuseppe Culicchia seinen Roman “Tutti giù per terra “ (Knapp daneben) in seinen Räumen geschrieben hat. Der Schriftsteller Oddone Beltrami traf im Fiorio mindestens drei Mal die Woche seine Freunde, mit denen er das städtische Kulturleben zu katalysieren wusste. Nostalgisch erinnert er sich an Persönlichkeiten wie den Schriftsteller Alfredo Segre, dessen Werke in viele Sprachen übersetzt wurden und der Italien aufgrund der Rassengesetze verlassen musste, oder Massimo Bruni, Musiker und Musikwissenschaftler, Gründer des Collegium Musicum in Turin, „und viele andere, die nach und nach in diese lebendige Schmiede von Gefühlen und Ideen eindrangen.“ Fast alle waren Antifaschisten, so dass während der Zeit der Hausdurchsuchungen in den Jahren 1930/31 „das Café sich leerte, man blieb für einige Tage den Treffen fern, man verwendete eine ablenkende Entschuldigung, und erst dann, wenn sich die Wogen geglättet hatten und die Gefahr vorbei war, suchte man wieder die glückliche Insel auf“, um sie erst zu später Nachtstunde wieder zu verlassen.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, und die goldene Zeit der Cafés ist, nicht nur in Turin, verklungen. Der Prunk früherer Zeiten, der von Piera Condulmer in ihrem Buch „Die Turiner Cafés und das italienische Risorgimento“ beschrieben wird, ist weit entfernt. Der Niedergang der Turiner Kaffeehäuser nach 1865, als die Hauptstadt erst nach Florenz und dann nach Rom verlegt wurde, war ganz natürlich. Darin ging Turin den anderen italienischen Städten voraus und kündigte an, dass das Café nicht mehr der privilegierte Ort des städtischen gesellschaftlichen Lebens sein würde. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden alternative Unterhaltungsformen zu den Abenden im Kaffeehaus, und die neuen Generationen machten sie sich sofort zu eigen: das Kino, das Grammophon, das die Musik ins Haus brachte und die Menschen von der Pflicht, ins Theater zu gehen, „befreite“, und dann das Radio mit seinen geheimnisvollen Stimmen. Doch der Niedergang war kein Aussterben, denn trotz der Durchsetzung des technischen Fortschritts gibt es in Turin noch heute zahlreiche Cafés: gut erhalten, lebhaft und lebendig. Die Cafés mit großer Tradition der Gastlichkeit wie das Fiorio sind sichere Häfen in der städtischen Navigation, Zufluchten für eine Pause, für das Anhalten der Zeit, für einen Augenblick des Atemholens. Der Literaturkritiker Enrico Falqui, der etwas davon verstand, schrieb, dass „ein Café auch etwas vom Hafen und vom Bahnhof, vom Salon und vom Club, von der Enge und der Weite, vom Beobachtungsposten und vom Versteck, vom Hinterzimmer und vom Schaufenster hat und bewahren muss“. Das Fiorio ist sicherlich all dieses, und dennoch ist seine perfekte Definition die der „glücklichen Insel“, die Beltrami prägte.

Ein Café zum gemütlichen Lesen, für entspannte Begegnungen, friedliche Gespräche, angenehm verbrachte Zeit… ein Café, in das ein Gast zu jeder Zeit in jedem Gemütszustand, sei er nun melancholisch oder fröhlich, kommen kann, ist das vielleicht keine glückliche Insel?

Adresse
Via Po, 8 Torino 10121
Telefon
+39 011 817 3225
Email
info@caffefiorio.it
Web
http://www.caffefiorio.it

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