Seit 1780

über zwei jahrhunderte: man sieht sie ihm nIcht an

Das Fiorio wurde 1780 eröffnet. Turin hatte damals siebzigtausend Einwohner innerhalb der Stadtmauern und rund achtzehntausend in den Vororten und dem Umland. Es gab zweiunddreißig Straßen, die sich im rechten Winkel kreuzten, 139 Häuserblöcke schufen und von 630 Laternen beleuchtet waren.

In jenem Turin hatte das Caffè Fiorio Erfolg und wurde in kurzer Zeit zu einer festen Referenz im gesellschaftlichen Leben der Stadt. Dazu trug auch die große Blütezeit bei, in der sich die Via Po damals befand. Aber auch abgesehen von seiner langen Geschichte ist das Fiorio eins der wichtigsten Turiner Cafés – eins von denen, die Atmosphäre und Tradition der Stadt am besten bewahrt haben. Wer hat nicht einmal irgendwo gelesen, dass sich im Fiorio die öffentliche Meinung der Stadt bildete, in den Jahren, als Turin aktiv zur italienischen Einheit beitrug? Es war so wichtig, dass die herrschenden Savoyerkönige, sowohl Carlo Felice als auch Carlo Alberto, und ihre Minister, wenn sie die Stimmung der öffentlichen Meinung erfahren wollten, fragten: „Was sagt man im Fiorio?“ Auch wenn es heute nicht mehr der privilegierte Ort der nationalen Politik ist, pulsiert in seinen Sälen das städtische Leben. Wie jedes Café, das auf sich hält, hat es einen eigenen Rhythmus, hektische Stunden wechseln ab mit ruhigeren Momenten. Die Familien, die am Sonntagnachmittag die Säle füllen, lassen Platz für die Freundesgruppen, die sich unterhalten, und in der Woche die Angestellten, die sich eine Pause vom Büro gönnen. Und es fehlen auch nicht die Stunden der Einzelgäste, die den Schriftsteller Hermann Kesten mit seinen Worten zu bestätigen scheinen: „Auch in einem leeren Café fühle ich keine Einsamkeit. An den Tischen sitzen die Geister der vergangenen oder.

In den vergangenen Jahrhunderten wurde in den Kaffeehäusern viel gespielt, und wenn sie auch verboten waren, so fehlten doch auch die Glücksspiele nicht. Es geschah in allen Cafés der Stadt, oder noch besser: in allen Cafés in allen Städten. Das Fiorio war da keine Ausnahme, im Gegenteil. In seinen Räumen wurden ganze Vermögen aufs Spiel gesetzt, und wenn man verlor, galt die Regel „Spielschulden – Ehrenschulden“. Die Polizei passte auf, verfasste vertrauliche Berichte, drängte das Phänomen zurück, aber ohne wirklichen Erfolg, besonders im Fiorio wegen der aristokratischen Respektabilität der Gäste, die sich gegenseitig deckten und auf Freundschaften in den richtigen Büros zählen konnten.

Mancher versuchte sich auch im Falschspiel. Wurde dies entdeckt, hing die Behandlung davon ab, ob man adelig oder bürgerlich war. Das musste ein junger Rechtsanwalt am eigenen Leibe erfahren. Er war im Fiorio beim „Gioco del Goffo“ und versuchte zu schummeln. Als er jedoch entdeckt wurde, wurde er verprügelt, beschimpft, aus dem Café verjagt und noch unter den Arkaden der Via Po verfolgt. Seine Karriere, die bis zum Vortag viel versprechend verlaufen war, war kompromittiert. Wegen der Schande floh er nach Susa, wo ihm ein Priester das Ordensleben empfahl. Der Anwalt ließ sich überzeugen, studierte und nahm die Weihen. Man erzählte sich, dass seine sonntäglichen Predigten sehr geschätzt waren – und war er nicht auch ein ehemaliger Anwalt? Allerdings war das nicht von Dauer. Er bat den Bischof um Dispens, verzichtete auf das Priestergewand und heiratete. Seine Spur verlor sich. Ein Leben, das radikal auf andere Gleise geriet, nur wegen eines unvorsichtigen Falschspiels im Fiorio.

Auf einen Falschspieler, der entdeckt wurde, kamen viele respektable Personen, die sich ruhigeren Gedankenspielen hingaben. Unter diesen ist auch Camillo Benso di Cavour, der im Fiorio nicht nur die Mitglieder für seinen Whist- und Schachclub rekrutierte, sondern hier im März 1841 auch dessen erste offizielle Versammlung abhielt. Einige Forscher sind überzeugt, dass sein Club tatsächlich eine Möglichkeit bot, eine politisch homogenere Elite auszuwählen. Eine Art Deckmantel – und so wurden zwischen zwei Spielen die Grundlagen für die nationale Politik gelegt.

In den Sälen des Fiorio „trafen die Hochgestellten der Regierung, des Adels, des Offizierswesens, des reichen Bürgertums zusammen, unter die sich gelegentlich reiche Pferdehändler mischten“. Von Zeit zu Zeit kam auch mal ein Rechtsanwalt des Bürgertums auf der Suche nach bedeutenden Freundschaften hinzu. Es war ein Offizier darunter, der sich damit brüstete, an der Unterdrückung der Aufstände von 1821 teilgenommen zu haben und von dem der Dichter Angelo Brofferio ironisch schrieb: „che taja le teste come i melon – er lässt die Köpfe rollen wie Melonen“. Diese Vorstellung von der Bedeutung seiner Gäste teilte auch der französische Schriftsteller Charles Monselet, der 1859 nach Turin kam: Um alle Persönlichkeiten, die etwas zählten, zu treffen, begab er sich ins Fiorio. Der berühmteste Gast des 19. Jahrhunderts war, wie wir wissen, Cavour, der 1847 in die Politik ging, als er die Zeitschrift „Risorgimento“ gründete. Wir stellen ihn uns an seinem üblichen Tisch vor, während er jene Artikel schrieb, in denen er die Notwendigkeit der Verfassung nachwies. Und wer weiß, wie oft er seine politischen Thesen verfochten und damit die Missbilligung der Konservativen hervorgerufen haben mag…

Ein Café ist ein ganzes Universum und wird von einer wirklich vielfältigen Menschheit besucht. Auf einen Stammgast wie Cavour, der den Gang der Geschichte beeinflusste, kommen viele andere, deren höchste Bekanntheit unter den Nachkommen gerade darin besteht, das Café frequentiert zu haben. Wenige wissen heute, wer Graf Onorio war, aber in Turin um die Mitte des 19. Jahrhunderts war er eine höchst bekannte Persönlichkeit. Cavaliere Baratta, von dem in Kürze die Rede sein wird, beschreibt ihn uns als ruinierten Adeligen, der seine Tage im Caffè Fiorio verbrachte „ohne der Welt andere Umstände zu machen als zu essen“. Als er starb, stellte Baratta sich einen Grabstein vor, der diesen „so nutzlosen und leeren Lebensstil“ ausdrücken könnte. Also schrieb er diese Inschrift: „Sia leggera la terra al conte Onorio, / la cui morte, ahi! Dolore! Un vuoto grande / sulle panche lasciò del caffè Fiorio!” (Leicht sei die Erde dem Grafen Onorio / dessen Tod, ach! Schmerz! eine große Leere / hinterließ auf den Bänken des Café Fiorio!)

Cavaliere Baratta wurde 1802 in Genua geboren und starb in Turin wahrscheinlich 1866. Er war in die savoyische Hauptstadt gezogen, um die diplomatische Karriere einzuschlagen, aber es sollte anders kommen. Er war ein seltsamer Geist und arbeitete für Zeitungen und Zeitschriften. Man sah ihn häufig an den Kaffeehaustischen im Zentrum, auch im Fiorio, lesen und schreiben. Er war berühmt und gefürchtet für seine spitzen Epigramme – wie das für den Grafen Onorio –, die er als „poetische Scherze“ definierte. Als er starb, war er seinerseits „Opfer“ einer Nachschrift, die ein Mitarbeiter der Gazzetta di Torino vorschlug: „Del Cavaliere Baratta in questa fossa / riposan le ossa, / ma dire non oso / che trovi la lingua anche riposo.” (Von Cavaliere Baratta in diesem Grab / ruhen die Gebeine / doch wage ich nicht zu sagen / ob auch die Zunge Ruhe findet.)

Das Fiorio war nun aber nicht nur ein Treffpunkt von Spaßvögeln, wie man glauben könnte, sondern auch ein Ort, an dem Ideen entwickelt und dem großen Publikum vorgestellt wurden. So ist es keineswegs Zufall, dass gerade in seinen Räumen Carlo Ilarione Petitti zum ersten Mal die Notwendigkeit eines Eisenbahnnetzes in Italien als Antrieb für die politische Einheit und den wirtschaftlichen Fortschritt theoretisch darlegte.

Wann trat das Fiorio auf die Bühne der Geschichte? Der erste Hinweis betrifft eine kuriose Episode, die der Historiker Giuseppe Manno berichtet. In seinem Buch „Informazioni sul Ventuno“ erzählt er von Bernardo Pia, einem obskuren Dienstmann des Hofapothekers Masino, der am Abend des 18. März 1821 unter großer Geheimhaltung zum Fiorio geführt wurde: Hier bot man ihm eine hohe Belohnung an, wenn er Gift in die Medizin mischen würde, die Carlo Alberto in jenen Tagen einnahm – vier Tage bevor er gezwungen wurde, Turin auf Befehl von Carlo Felice zu verlassen. Bernardo Pia weigerte sich. Von Anfang an scheint also das Fiorio ein Treffpunkt der Konservativen gewesen zu sein. Dies ist allerdings ungerechtfertigt, weil seine Kundschaft zwar aristokratisch war, aber ganz verschiedene politische Auffassungen vertrat, und so ist es auch wahr, dass viele seiner Gäste wenige Monate nach den gescheiterten Aufständen von 1821 ins Exil gehen mussten: Giacinto Gollegno, Cesare Balbo und der Principe della Cisterna, um nur einige Namen zu nennen.

Das Fiorio war ein Café, in dem man über Politik diskutierte, und sicher fanden sich keine Mazzinianer in seinen Reihen, dennoch verschonte es auch den berühmtesten seiner Gäste, Camillo Benso Conte di Cavour, nicht mit Kritik. Er wurde vor allem kritisiert, als er 1854 beschloss, ein Speditionskorps mit achtzehntausend Männern in die Krim zu schicken, um den Angriff von Frankreich und England gegen Russland zu unterstützen. Viele verstanden nicht, was für Interessen das Piemont dort haben könnte, und wussten vielleicht nicht einmal, wo die Krim sei. Kleine Meinungsverschiedenheiten, die schnell behoben wurden, denn als zwei Jahre später der Repräsentant des Savoyerreichs beim Kongress in Paris benannt werden musste, hatte die Kundschaft des Fiorio keine Zweifel und ergriff Partei für Cavour, gegen die Gäste des Café Nazionale, die Massimo D’Azeglio unterstützten.

Die konservative Tendenz der Kundschaft im Fiorio nahm im gleichen Maße ab, wie die Idee der nationalen Einheit sich durchsetzte. Im Krieg von 1859 nahmen nämlich auch viele von den Gästen an den Kampfhandlungen teil, und häufig wurden schwarze Bänder als Zeichen für die Trauer um an der Front gefallene Freunde an die Spiegel und Lehnen der Sessel angeheftet. Und dies war nicht die einzige Art, Politik zu machen. Aus Staatsgründen musste Maria Clotilde von Savoyen, die Lieblingstochter von Vittorio Emanuele II., am 30. Januar 1859 den Cousin von Napoléon III heiraten: Napoléon Joseph Charles Paul Bonaparte, genannt Plon- Plon. Er war sechsunddreißig Jahre als, sie sechzehn. Betreiber der Hochzeit war Cavour selbst, der auf diese Weise die französisch- savoyische Allianz festigen wollte, der König jedoch schickte sich schweren Herzens darein. So verweigerten, als Cavour ein großes Fest zur Feier des Anlasses organisierte, sehr viele Gäste des Fiorio und anderer Cafés als Zeichen für ihr Verständnis für die Savoyer ihre Teilnahme – was sollte es denn da wirklich zu feiern geben?

Adresse
Via Po, 8 Torino 10121
Telefon
+39 011 817 3225
Email
info@caffefiorio.it
Web
http://www.caffefiorio.it

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